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Ein Plädoyer für große Visionen

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Ein Plädoyer für große Visionen

Wir leben in seltsamen Zeiten. Die Probleme der Welt von heute scheinen von Tag zu Tag mehr zu werden und schier überwältigende Ausmaße anzunehmen. Klimawandel, Polarisierung und Zersplittern des politischen Diskurses, Verschärfung wirtschaftlicher Ungleichheit, die Corona-Krise, um nur ein paar zu nennen. Im Angesicht dessen ist es oft leicht die Hoffnung zu verlieren, sich zu sagen, “was soll’s, schön war’s, wir haben es versucht”. Zumal die Handlungsalternativen, die in der Breite kommuniziert werden so verdammt unbefriedigend sind: weniger Fleisch essen, weniger Fliegen, weniger Reisen im allgemeinen, Bio einkaufen und einen Teil deines Einkommens Spenden. Na toll. Sehr inspirierend.
Wie wäre es andererseits, wenn es in Ordnung wäre, große Träume zu haben und leidenschaftlich nach großen Visionen für Veränderung zu streben?

Deine Vision zu leben ist wie auf einen Berg zu steigen: Es geht darum, dass du es tust, nicht darum den Gipfel zu erreichen. Photo: Jonas Gröner

Ja, alle diese Dinge können einen Beitrag leisten. Doch sie entfalten ihre Wirkung erst, wenn viele mitmachen. Deshalb ist es so unbefriedigend das eigene Leben auf diese Art zu Optimieren: es fehlt der Wumms. Mit anderen Worten: weniger Fleisch zu essen ist keine Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Außerdem fehlt in diesem Bild von Wandel doch eindeutig die Vision. Denn obwohl die Gesamtheit der gesellschaftlichen Auswirkungen vom Verhalten Einzelner geprägt ist, ist sie doch mehr als nur die Summe ihrer Teile.

Das soll heißen: du kannst etwas bewegen und zwar über Dein individuelles Konsumverhalten hinaus.

Ein Plädoyer für große Visionen

Eine Vision ist eine lebendige Erzählung davon, wie das eigene Leben, die eigene Community, ein Projekt oder gar eine ganze Gesellschaft aussehen könnte. Sie ist geprägt von Möglichkeiten statt Wahrscheinlichkeiten und löst ein freudiges kribbeln in uns aus, wenn wir darüber nachdenken, dass unser Leben tatsächlich so sein könnte. Eine Vision ist ein positiver Ausdruck dessen, was wir in der Welt sehen wollen. Anstatt „Städte ohne Autos“ hieße es in einer Vision eher „Städte mit gut ausgebauter Radinfrastruktur und leistbaren öffentlichem Nahverkehr“. Es ist doch immer motivierender für etwas statt gegen etwas zu arbeiten, oder?

Ein solches Visions-Statement ist keine konkrete Zielerklärung. Vielmehr geht es darum sich selbst einen Leuchtturm zu bauen, um sich zu orientieren und das eigene Handeln daran auszurichten. Es geht auch nicht darum „daraufhin zu arbeiten, dass die Vision irgendwann einmal Wirklichkeit wird“. Vielmehr ermöglicht uns Klarheit über unsere Vision, jeden Tag aus unserer Vision heraus zu leben, Ausschau zu halten, nach den Möglichkeiten, die sich uns schon heute ergeben ihr entsprechend zu handeln, anstatt auf den großen Umbruch zu warten.

Deine Vision zählt!

Viel zu oft haben unsere Visionen gar keine Chance gegen die „Sachzwänge“ eines Lebens im 21. Jahrhundert. Wir haben entweder nicht die Kapazität sie entstehen zu lassen oder haben schon so ein festes Bild davon, wie unser Leben zu sein hat, dass wir das Gespür dafür verlernen, was unserem Wesen eigentlich viel mehr entspräche, was uns wirklich antreibt.
 Und wenn wir dann mal einen Schimmer unserer Träume erkennen, meldet sich meistens sofort die innere Stimme, die uns sagt: „Lass es lieber bleiben, bleib wo du bist, hier ist es sicher und wir kennen uns aus. Wer weiß, was dort drüben für Gefahren lauern.“ Diese Stimme findet übrigens sehr kreative Wege uns unsere Träume auszureden. Sie ist genau so schlau wie wir. Deshalb ist es oft so schwer sie als das zu erkennen was sie ist.

Warum also nicht einfach aufgeben?

Zwei Gründe: zum Einen gibt es nichts schöneres und erfüllenderes, als zu wissen, dass man den heutigen Tag aus der eigenen Vision herausgelebt hat. Du kannst dir das bestimmt vorstellen: erlaube dir mal kurz zu träumen. Wie sähe dein Leben in deinen wildesten Träumen aus? Was würdest du tun, wo würdest du leben, mit wem? Und jetzt stell dir vor, du würdest abends ins Bett gehen und wüsstest, dass du heute deinen Traum gelebt hast. Ist das nicht aufregend? Und ist das Leben nicht ein viel zu großes Geschenk um es einfach so dahin tröpfeln zu lassen?

Der zweite Grund: Wir brauchen dich und deine Vision! Mit wir meine ich, wir alle, die 7 752 999 999 anderen Menschen auf diesem Planeten. Die Herausforderungen vor denen wir stehen sind so fundamental, dass wir nicht auf deine Vision verzichten können! Und damit meine ich nicht deine Ideen wie du noch ein bisschen mehr CO2 sparen kannst. Ich meine die große Vision, deine Ideen dafür, wie unsere Gesellschaft organisiert sein soll, wo das Essen für 10 Milliarden Menschen herkommen wird, wie wir in Zukunft wohnen werden, wo unsere Energie herkommt, wie wir Wert bemessen und auf welchen ethischen Grundlagen wir unser Zusammenleben aufbauen. Das scheint jetzt vielleicht ein bisschen viel auf einmal. Aber ich weiß, dass du beim Lesen dieser Liste gerade nicht nur eine Idee zu diesen Themen hattest. Ich bin mir absolut sicher, dass du Antworten auf diese Fragen hast, die nur du geben kannst, weil nur du genau die Lebenserfahrungen gemacht hast, die dir deine Perspektive ermöglichen.

Weil deine Vision so wichtig ist, für dein Leben und die Welt bitte ich dich: gib sie nicht auf! Wenn sie dir unerreichbar scheint, brich sie herunter in den kleinsten und spaßigsten Schritt der dir einfällt, rede mit deinen Freund:innen darüber und such dir Unterstützung wenn du nicht weiter weißt. Wenn deine Vision noch ein wenig unklar ist, versuch dich auf das zu besinnen, dessen du dir sicher sein kannst — die Prinzipien, die für dich einem guten Leben zugrunde liegen. Das Wichtigste ist anzufangen, alles andere ergibt sich dann auf dem Weg.

Sachzwänge und Privilegien

Mir ist bewusst, dass diese Perspektive eine sehr priviligierte ist. Nicht viele Menschen auf dieser Welt haben überhaupt eine Wahl sich ihrer Vision zu widmen oder einfach so weiter zu machen. Doch das zu erkennen, bedeutet für mich nicht, lieber darauf zu verzichten meine Vision in die Welt zu tragen, aus Angst durch mein Privileg andere zu triggern. Vielmehr sehe ich es als meine Pflicht den Umstand, dass es überhaupt ein Privileg ist, sich Gedanken über Visionen zu machen, zu kritisieren. Ich möchte andere dabei unterstützen, sich Gedanken darüber zu machen, was ihre Vision ist und wie sie diese ihren Umständen entsprechend leben können — auf dass es irgendwann kein Privileg mehr ist, deine Träume anzupacken, sondern eine Selbstverständlichkeit. Denn es gibt immer etwas, das wir tun können um zu demonstrieren, in was für einer Welt wir leben wollen.

Wenn dieser Artikel für dich interessant klingt, aber du nicht so recht weiß wo hin damit, würde ich mich riesig freuen, wenn du mir von deiner Vision erzählst!

Du erreichst mich per Mail an hello@jonasgroener.com oder auf Instagram als \@jonasgroener.

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