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Privilegien überwinden — beyond “check your privilege”

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Privilegien überwinden — beyond “check your privilege”

Privilegien sind ein empfindliches Thema: auf allen Seiten der Medallie. Wer nicht so privilegiert ist, erfährt das jeden Tag zwangsläufig. Doch auch wer mehr Privilegien erfährt fühlt sich damit nicht zwangsläufig wohl. In diesem Artikel will ich versuchen, eine Perspektive auf das Thema Privilegien zu eröffnen, die dir ermöglicht, trotz des Unwohlseins rund um deine Privilegien effektiv zu sein.

Die Synopse des Artikels gleichmal vorne weg. Photo by Ava W. Burton on Unsplash

Ein Privileg (Plural Privilegien, von lateinisch privilegium „Ausnahmegesetz, Vorrecht“) ist ein Vorrecht, das einer einzelnen Person oder einer Personengruppe zugeteilt wird.
Quelle: Wikipedia

Privilegien sind oft ein heikles Thema

Gerade in Gruppen und Subkulturen, die sich der Transformations-Arbeit verschrieben haben, sind Privilegien oft ein Thema, das mit viel Spannung und Unwohlsein verbunden ist. Da viele Menschen in diesen Bewegungen erkennen, dass die Vorrechte in unserer Gesellschaft keineswegs gleichmäßig oder sogar nach den Bedürfnissen der einzelnen Menschen verteilt sind, gibt es oft die Bestrebung etwas anders zu machen, Menschen gleicher zu behandeln, Privilegien aufzubrechen. Das führt oft dazu, dass privilegierten Personen gesagt wird, sie sollen ihre “Privilegien checken”.

Während nichts dagegen spricht, sich immer wieder vor Augen zu führen, welche gesellschaftliche Position man selbstverständlich füllt, ohne dafür etwas getan zu haben, schwingt in “check your privilege” oft ein Subtext mit. Dieser Subtext sagt: “Die Dominanzgesellschaft* wertet deine Existenz höher als die anderer Menschen, deshalb musst du dich in diesem emanzipativen Raum nun unterordnen. Außerdem würde es helfen, wenn du dich wenigstens ein bisschen dafür schämst, dass du so privilegiert bist.” Ich behaupte nicht, dass diese Nachricht von denjenigen beabsichtigt ist, die privilegiertere Menschen darum bitten, sich ihre Priviliegien bewusst zu machen. Doch das ist, was oft ankommt. Das ist auch völlig normal. Wer würde sich nicht wenigstens ein bisschen schlecht dabei fühlen, die eigenen völlig ungerechtfertigten Vorrechte zu erkennen, wo der eigene Anspruch doch ist, etwas zu einer lebenswerten Welt für alle beizutragen?

Andererseits wäre es auch mehr als verständlich, wenn unterprivilegierte Menschen sich bedroht fühlen, wenn Privilegiertere sich den emanzipativen Bewegungen anschließen, die ja nicht selten von maximal unterprivilegierten Menschen aus der puren Not heraus, als Zuflucht vor den Bedrohungen der Dominanzgesellschaft, erschaffen wurden. Denn um das ganz deutlich zu sagen: Das Unwohlsein, die eigenen Privilegien zu erkennen, ist nichts im Vergleich zu dem Schmerz, den Menschen fühlen, deren Leben an der Intersektion verschiedener Unterdrückungskategorien stattfindet. Worum es mir in diesem Artikel jedoch geht, ist für alle Menschen eine befreiende und produktive Perspektive auf Privilegien zu entwerfen. Dafür ist es nötig auch das, vergleichsweise milde, Unwohlsein derer anzuerkennen, die Privilegien genießen obwohl sie mit ihrer Existenz nicht einverstanden sind.

Privilegien sorgen in der Transformations-Arbeit für Unwohlsein, sowohl bei denen, die mehr davon haben, als auch bei denen, die weniger davon haben. Die Gründe sind verständlich und nachvollziehbar. Dennoch bleibt ein schaler Nachgeschmack, das Gefühl, dass es irgendwie besser gehen müsste.

Schuld als “easy way out”

Für privilegierte Menschen ist es einfach, sich schuldig zu fühlen für die eigenen unverdienten Vorrechte. Es erfordert nicht viel Zeit oder Konzentration, man kann einfach mal so sagen “ich fühle mich schrecklich dafür, dass ich so viel habe” oder “es tut mir so leid, dass du so wenig hast”. Und weil es so einfach ist, bringt es auch nicht sehr viel. Die Welt wird nicht zu einem gerechteren Ort, weil ich mich schuldig fühle. Doch ich fühle mich nicht mehr so unwohl. Schließlich erkläre ich durch meine Selbstanklage, dass ich auch nicht einverstanden bin mit der Privilegienverteilung. Doch diese Verteilung verändert sich kein Stück dadurch, dass ich nicht einverstanden bin. Erst wenn ich handle, in der physischen Realität Aktion ergreife und mich anders verhalte als bisher, ändert sich etwas. Doch das ist unbequem. Wenn ich mich anders verhalten will, muss ich mein bisheriges Verhalten ersteinmal beobachten und erkennen, wie es dazu beiträgt, die strukturelle Ungleichverteilung von Privilegien aufrechtzuhalten. Das kann schmerzhaft sein, denn wer will sich schon eingestehen, aktiv — wenn auch ungewollt, aber dennoch aktiv — dazu beigetragen zu haben, sexistische, rassistische, ableistische, klassistische usw. usw. Strukturen und Dynamiken reproduziert zu haben?

Sich aktiv mit den eigenen Privilegien auseinanderzusetzen ist also unbequem und gleichzeitig eine nötige Vorraussetzung um etwas anders zu machen. Deshalb ist es so verlockend sich selbst schuldig zu sprechen: es fühlt sich so an, als ob man das Problem hiermit gelöst hätte. In Wahrheit ändert sich dadurch aber gar nichts.

Wie verhältst Du Dich, wenn Du Dich schuldig fühlst?

Wie wenig nützlich (im Sinne einer lebenswerten Welt für alle) dieses Verhalten ist, kannst du bestimmt leicht erkennen. Schuldgefühle eröffnen keine Handlungsmöglichkeiten, sie motivieren auch nicht dazu, sich ernsthaft mit dem eigenen Verhalten auseinanderzusetzen. Wer sich schuldig fühlt handelt, wenn überhaupt, aus der Motivation, das eigene Ansehen, die eigene (emanzipierte) Außenwirkung zu wahren, oder “die Schuld wieder gut zu machen”. Ein grundlegender Paradigmenwechsel im Umgang mit den eigenen Privilegien findet jedoch nicht statt.

Eine nützlichere Perspektive

Folgende Perspektive, biete ich Dir als interessante Alternative zu “ich bin schuld an der Ungerechtigkeit” an. Versuch doch mal, Dich in diesen mind-space zu versetzen, wenn du dich das nächste Mal schuldig für ein Privileg fühlst.

Ich erkenne, dass ich auf Grund von Umständen, für die ich nichts kann, mehr soziales Kapital/finanzielle Ressourcen/bessere Bildungschancen/psychische Gesundheit/allgemeine Sorglosigkeit genieße, als viele andere Menschen, die auch nichts dafür können. Ich erkenne außerdem, dass ich in der Vergangenheit durch mein Verhalten dazu beigetragen habe, dass dieses Ungleichgewicht aufrecht erhalten bleibt, nicht zu letzt indem ich mich durch Schuldgefühle handlungsunfähig gemacht habe. Ich finde es deutlich interessanter, zu erkunden, wie ich mich anders Verhalten könnte. Deshalb stelle ich mir immer wieder die Frage: Was würde eine Person mit meinem sozialen Kapital/finanziellen Ressourcen/Bildungschancen/psychischer Gesundheit und einer Vision von einer lebenswerten Welt für alle, als nächstes tun? Sprich: Wie kann ich die Privilegien, die ich nun mal habe, für die Transformations-Arbeit einsetzen? Wie kann ich etwas dazu beitragen, dass es irgendwann kein Privileg mehr ist, nachts alleine draußen zu sein, ohne sich zu fürchten, ein warmes Zuhause zu haben, körperlich und psychsisch gesund zu sein, eine stabiles soziales Umfeld zu haben, auch mal unbeschwert zu leben?

So ähnlich kann übrigens auch eine nützliche Perspektive klingen, wenn wir feststellen, dass wir auf der “Verlierer:innen-Seite” eines Privilegs stehen. Anstatt uns zu fragen, warum die Welt so ungerecht ist, oder eine:n Schuldige:n zu suchen, ist folgendes oft porduktiver:

Ich erkenne, dass ich auf Grund von Umständen, für die ich nichts kann, weniger soziales Kapital/finanzielle Ressourcen/bessere Bildungschancen/psychische Gesundheit/allgemeine Sorglosigkeit genieße, als viele andere Menschen, die auch nichts dafür können. Es ist mein Ziel, dass in Zukunft niemand mehr unter “Privilegien-Mangel” leiden muss. Was würde also eine Person mit meinem sozialen Kapital/finanziellen Ressourcen/Bildungschancen/psychischer Gesundheit und einer Vision von einer lebenswerten Welt für alle, als nächstes tun? **

Die Idee ist also: Die Dinge nehmen wie sie sind und dann das Beste für alle daraus machen. Das ist unbequem und erfordert Mut. Doch ich glaube du hast alles, was du brauchst um im Angesicht der Realtität das Richtige zu tun!

Wenn dir dieser Artikel gefallen hat, du darüber diskutieren möchtest, die Sache ganz anders siehst oder du den Gedanken weiterspinnen möchtest, melde dich doch bei mir. Per Mail, Linked-In oder Twitter. Ich freue mich auf deine Nachricht!

Fußnoten

*Ich leihe mir den Begriff ‘Dominanzgesellschaft’ von Şeyda Kurt. Sie schreibt dazu in ihrem Buch “Radikale Zärtlichkeit — Warum Liebe Politisch Ist” (S. 25, 2021): ‘Oft wird in Debatten um Diskriminerung der Begriff der Mehrheitsgesellschaft bemüht […]. Ich finde den Begriff problematisch, da er vorgibt, dass politische Ungleichheiten in Gesellschaften Fragen von Mehrheiten und Minderheiten sind und nicht auch von Macht- und Herrschaftsverhältnissen, die durch Regeln, Normen und Institutionen aufrechterhalten werden. […] Es geht also nicht ausschließlich um Zahlen und Mehrheiten, sondern darum, welche kulturellen Kategorien und Zuschreibungen dominieren. Daher spreche ich von Dominanzgesellschaft oder Dominanzkultur.’

**Ich schreibe diesen Absatz in dem Bewusstsein, dass es nicht viele Privilegien gibt, bei denen ich als weißer cis-Mann, als Kind der mitteleuropäischen Mittelschicht, auf der “Verlierer:innen-Seite” stehe. Ich hoffe, meine Perspektive ist dennoch auch für weniger privilegierte Menschen hilfreich. Falls du dich darüber austauschen willst, oder das Gefühl hast, ich gehe leichtfertig mit dem Thema um, dann schreib mir gerne! (Kontaktmöglichkeiten siehe oben)

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